Die Poesie der maschinellen Improvisation

anbb > ret marut Handshake (2010), Raster-Noton

Bei anbb handelt es sich um eine Kollaboration zwischen Blixa Bargeld (Kopf der legendären “Einstürzenden Neubauten“) sowie Carsten Nicolai, besser bekannt als „Alva Noto„. Als die beiden 2007 begannen, unter dem schlichten Namen „anbb“ zu kollaborieren, konnte man die erste Release der Zusammenarbeit kaum erwarten. Nun ist sie im Juni (natürlich auf Nicolai’s Label “Raster-Noton“) erschienen. Es handelt sich um eine EP mit fünf Tracks, davon zwei Coverversionen. Alva Noto zieht auf dieser Veröffentlichung wieder alle seine Register mit atonalen Glitchs, zerrenden Ambientflächen und abstrahierender Reduktion. Blixa Bargeld deklamiert längst nicht so viel wie auf anderen Platten, sei es bei seiner Band oder anderen Kollaborationen. Er wispert hier und da und hält sich zurück. Nur beim Titelsong red marut Handshake blüht er geradezu auf. Kühl, informatisch und steril wabert sich die Musik durch die Gehörgänge, eckt an und stockt. Naturwissenschaftliche Musik geradezu. So sollte, nein, so muss es klingen, wenn die Hauptpfade der momentanen deutschen Populärmusik-Avantgarde aufeinandertreffen: Die maschinelle Transzendalität der Musik von Nicolai trifft auf die humanistisch industrielle Poesie Bargelds. Der Titeltrack red marut Handshake erinnert mich an eine Noise-Version von Fledermaus can’t get it von „Van Südenfed„, eine Kollaboration zwischen „Mouse on Mars“ und Mark E. Smith („The Fall“). „Aus dem Dschungel und zurück ins Nichts“, ruft Bargeld und Noto unterlegt es mit treibenden, dissonanten Rhytmen. One beginnt seltsam ruhig, verträumt und Bargeld singt:  „One is the loneliest number that you’ll ever do“. Es ist ein Cover von Aimee Mann, bekannt aus dem Film Magnolia. Ein sehr eingängliches, ruhiges und abstraktes Stück, was der EP sehr gut tut. Electricity is Fiction ist der experimentellste, weil irritierendste Song der Platte. Im Click’n’Cut-Stil unterlegt Nicolai den Monolog von Bargeld, welcher sich über Elektrizität, Illusion und Sichtweisen auslässt. Der „Refrain“ des Stücks besteht aus dem geloopten Songtitel, welcher verhallt und übereinanderlappt (hier muss ein Vergleich zum Frühwerk von Steve Reich fallen). Im Song Bernsteinzimmer singt Bargeld über einer artifiziellen Streichermelodie eine langsame Ballade. Der letzte Song, I wish a was a Mole in the Ground, das Cover eines amerikanischen Traditionals, besteht aus einem knarzenden,  unbequemen Rhythmus und sehr eingänglichen, schönen Gesang von Bargeld. Eine seltsame, unpassende Mischung, will man meinen, doch dem ist nicht so. Ein starkes Stück, diese EP. Improvisation, Abstraktion, Destruktion und Konstruktion durchzieht diese Platte. Und sie macht neugierig auf das bald folgende Album, was anbb bereits angekündigt haben.

Benotung: 9/10

Mehr Informationen über anbb beim Label.

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