Godspeed You! Black Emperor und die Politik des Chaos

Der folgende Essay wurde 2002 von Brad Weslake geschrieben. Er wurde 2010 mit Einstimmung des Autors für formverlust aus dem Englischen übersetzt. Da der Essay 2002 geschrieben wurde, sind viele Informationen mittlerweile veraltet. Der Originalessay in englischer Sprache kann hier gefunden werden.

Abstract

Dieser Aufsatz behandelt die Musik des Montrealer Kollektivs Godspeed You! Black Emperor im Zusammenhang mit den anarchistischen Idealen, entnommen der Fiktion von Pynchon, der politischen Philosophie von Bakunin und weiteren.

Der Drang zu zerstören ist auch ein kreativer Drang

–Mikhail Bakunin[1]

Long live a little bit of autonomy.

–Godspeed You Black Emperor! [2]

Godspeed You! Black Emperor (ab sofort Godspeed!) verweigern sich jeder Analyse, welche von den leitenden Parametern der derzeitigen Popkultur und -musik formuliert werden kann. Sei es allein der schwierige Name des Kollektivs („Band“ ist nicht wirklich der richtige Begriff. Warum das so ist, werde ich noch später erklären und diese sofortige Schwere mit den Begrifflichkeiten selbst illustriert das Problem sofort). Sei es allein die schwierigen Namen ihrer Werke („Album“ ist auch hier nicht das richtige Wort); die Titel (rückwärts chronologisch geordnet) sind: „lift yr. skinny fists like antennas to heaven!“, „slow riot for new zerO kanada„, „f#a#∞“ und „all lights fucked on the hairy amp drooling„. Seien es allein die Komposition der Band („Song“ ist hier auch das falsche Wort, und hier kommen wir gleich zum Punkt), welche bis zu über 20 Minuten lang sind. Ganz genau genommen: Die gesamte Diskografie des Kollektivs zieht sich auf 5,2 Stunden, verteilt auf 14 Tracks auf nur 5 CDs. Unternehmt den Versuch, die erste Godspeed!-Aufnahme zu ergattern: Eine eigens veröffentlichte Kassette, auf 33 (ja, 33!) Kopien limitiert, ist natürlich verschollen. Oder versuchen Sie es mit der originalen f#a#∞-Auflage, Constellation Records, 1996. Jede der LPs ist mit einer handgemachten Hülle und verschiedenen Dingen ausgestattet, zum Beispiel ein von einem Zug plattgefahrener kanadischer Penny. Die LP wird heute immer noch in dem Zustand ausgeliefert, sondern nicht mehr ganz handgemacht. Anders als bei den meisten Bands scheint es wohl für immer ungewiss, wie viele Mitglieder zu welchem Zeitpunkt im Kollektiv sind. Ein Bericht vermutet, Godspeed! beinhaltet 3 Gitarristen, 2 Bassisten, 2 Drummer[3] sowie Cello, Hörner, Synthesizer und Glockenspiel[4], und dazu kommen dann noch Tapeloops und Kontrabass – manchmal sind es 9 Mitglieder, manchmal 13, dann 17, oder unendlich viele (auch ein flüchtiger Blick auf manche Godspeed!-Rezensionen wird zeigen, dass Übertreibung hier nie fehl am Platz ist!).

Und dann gibt es die Musik. Aus abstrakten Drones, kreuz und quer über das Land fahrenden fernen Zügen, Static, Summen und Echos entwickelt sich eine einzige, klare Gitarrenspur – oder ein Geigenpart – welcher sich langsam und gradlinig weiter entwickelt nach oben und in die Weite. Mehr und mehr Instrumente kommen dazu, die Geschwindigkeit wird größer, die Werke enden in epischen Seeschlägen des Klanges, welche sich selbst überlagern, bis sie kollabieren und wieder zerfallen. Und aus diesem Wrack kommen dann leise, einsame Stimmen. Ankündigunden, found Sound, musique concrete. Ein Straßenpoet schreit einen Richter wegen einem Knöllchen an, eine gedämpfte Stimme murmelt etwas über eine große Barge mit einem Radioantennenturm, eine Stimme listet ein Waffenarsenal auf, eine Supermarktdurchsage wird abgespielt. Und die militärische Drumbeats kehren langsam zurück, bildet minutenlang Spannung auf, und blenden über unzählbare viele weitere Spuren aus. Die menschlichen Stimmen sprechen hier und singen nie. Sie erscheinen einem oft fern, widerhallend und manipuliert. Der grundsätzliche Effekt der Musik ist sowohl herzzerreißend tragisch wie auch unwirklich und wunderschön und kann am besten verstanden werden, (wenn man nicht die Musik hört), durch die ganzen fast einstimmig ehrfürchtigen Rezensionen, katalogisiert auf den verschiedenen Websites von Godspeed!.

Die Absicht des Textes ist es nicht, die Masse der Preisungen für die Gruppe zu unterstützen oder ihre Musik schon wieder zu beschreiben, obwohl ein Gefühl für ihren Sound natürlich nützlich für die Diskussion ist. Stattdessen möchte der Text die generelle Philosophie von Godspeed! betrachten, mit ihrem Vertriebsethos beginnend (warum der Text damit beginnt, wird später geklärt). Wegen den eben erwähnten Faktoren sind die Arbeiten von Godspeed! geradezu unspielbar im kommerziellen Radio – man könnte sie unmöglich schneiden, würden zu lange dauern, wären manchmal zu laut und manchmal zu leise, würden die Hörerschaft schlicht verwirren, die Liste ließe sich fortsetzen. Zudem gibt es keine Musikvideos von Godspeed![5]. Dies – Musikvideos und Airplay – sind die zwei Hauptwerbemodi der Major-Plattenfirmen. Zudem wird man ihre Platten kaum in Franchisen und Kettenfilialien finden. Und ja, ihr Plattenlabel Constellation vermeidet das gewissenhaft und zieht es vor, direkt in Independent-Stores zu werben und verweigern den Vertrieb fast immer Dritthändlern – zumindest bis 2005. Seit diesem Jahr finden sich Platten von Constellation auch bei Amazon, etc. Wie dem auch sei: Eine weitere Schwierigkeit zum Finden von Hörern findet sich in den Schwierigkeiten, die Musik der Band zu beschreiben und zu kategorisieren. Je mehr man über die Gruppe liest, desto mehr Genres und Vergleichespunkte werden herangezogen und keine von ihnen sind wirklich perfekt. Obwohl Streicher zumindest immer im Hintergrund sind, manchmal jedoch auch dominieren, ist die Gruppe nicht glasklar klassisch orientiert. Und während die Musik sich oft in Soundscapes verwischt – die Musik wäre in einer Kunstinstallation übrigens nicht fehl am Platze – ist die Musik auch nicht zwangsläufig experimentell. Und trotz all dieser Wege, in der Godspeed! sich traditionellen musikalischen Rastern verweigern, haben sie eine weltweite Fangemeinde entwickelt.

Einer der wenigen Mechanismen für eine Gruppe, welche nicht einfach so im Musikmarkt auffindbar ist, ist Hörensagen und Mundpropaganda. Mein eigener Weg zu der Gruppe startet mit einer Band, die im Radio gespielt wurde – Mazzy Star. Ich hab die Band zuerst auf einer JJJ-Kompilations-CD gefunden und fand dann einen weiteren Fan, welcher mir wegen unserem ähnlichen Geschmack ein Paradise Motel-Tape machte. (Danke übrigens dafür!) Ich kaufte mir eine lange Zeit später dann ein Remixalbum von Paradise Motel, da war dann ein Remix von Mogwai drauf. Ich habe dann nach Musik von Mogwai gesucht, und eine Internetrecherche brachte mich dann (aufgrund des gleichen, unbeholfenen Genretitels „Post-Rock“) zur Band Godspeed!. Es brauchte jedoch ein paar Monate, bis einen Plattenladen fand, der Constellation im Sortiment hatte. Warum ich meinen Weg zu Godspeed! hier so detailliert nacherzähle? Weil ich damit zeigen will, dass es 1.) eine astronomisch hohe Zahl an ähnlichen Weg zu dieser Band gibt sowie 2.) der Sinn von Entdeckung und Verbindung mit weiteren sozialen und kulturellen Kräften in den Prozess involviert ist – „sie zu entdecken fühlt sich wie eine Iniation in Mysterien an“[6]. Dieses Erlebnis der Entdeckung ist komplett anders von der Art Musik, die normalerweise „konsumiert“ wird – massenmediales Marketing en masse lässt dich sicher sein, dass du nicht der Einzige bist, der diese Band entdeckt und die Nummer an Schritten, bis du die Band dann endlich „gefunden“ hast ist für die meisten Plattenlabels meistens nur ein einziger Schritt: Der Schritt zum nächsten Plattenladen, wo du die Platte dann sicherlich kaufen kannst. Die einzige soziale Interaktion an diesem überwiegend typischen Weg ist dann die wirtschaftliche Transaktion zwischen dir und dem Angestellten im Plattenladen.

Das alternative Netzwerk von Verbindungen, wie vorher erwähnt, ruft einem das anarchistische Postnetzwerk W.A.S.T.E. aus dem Roman Die Versteigerung von No. 49[7] in den Sinn. Anarchistische Motive sind in Pynchon’s Werken geläufig[8] und stellen Spuren in die Godspeed!-Philosophie[9]. Das nicht-hierarchische Untergrundpostnetzwerk, welches von Pynchon beschrieben wird, findet ein Echo in der Botschaft, welche Constellation auf der Bandhomepage von Godspeed! veröffentlicht (geschrieben im charakteristischen Stil der gemäßigten Kleinschreibung und mit manchmal eigensinnigen Orthographiekenntnissen – dieser Stil findet sich auch in den Albenbooklets der Gruppe):

’willfull [sic!] obscurity’, like not wanting to talk at all hardly about structure or form, wanting only to tell this little story to the other ones, the ones who have or will soon build or sustain or try to endure, the little secret communities worldwide- a picture in our heads of tons of us worldwide nodding our heads always quietly in agreement w/occasional lo-key communiques or rumours[10]

Und in der Tat lässt es sich erahnen, dass sich anarchistische Themen durch die Musik erkennen lassen, zusätzlich zum impliziten Anarchismus der Mundpropaganda. Die meisten Godspeed!-Rezensionen neigten dazu, die offensichtlichen politischen Themen (ich werde mich nur auf manche Winke mit dem Zaunpfahl begnügen) zu verschweigen. Keith Cameron bezog sich am 19. März 2000 im NME auf die Politik der Band als „mystischen Anarchosyndikalismus“, eine Wegwerfzeile in einer Wegwerfrezension, die nur mit dem „Anarcho“ richtig liegt. (Man könnte schon meinen, Keith wollte nur ein paar extrakluge Silben anhängen.) Aber immerhin ist es teilweise richtig, wenn auch teilweise falsch. Andere Rezensenten rangieren in der Hinsicht von leichten Anspielungen bis hin zu geradezu linksradikalen Tendenzen, um die politische Botschaft schlagfertig als unklar („politisch unpräzise“) [11] abzutun. Manchmal war es auch bloß ein simples Achselzucken („Solls ein Kommentar über das moderne Leben sein? Ich hab keine Ahnung.“ [12]) Die größte Resonanz immerhin ist die eines angedeuteten Millenarianismus (das Wort “Apokalypse” oder “apokalyptisch” findet sich in vielen Rezensionen wieder) oder das Gefühl der Depression, der Krise und dass man das Geschäft wieder in die eigene Hand nehmen müsse: indem man Musik wieder als Musik begreift. John Mulvey hingegen geht am 14. Oktober 2000 im NME in die richtige Richtung: “Deren Musik klingt überhaupt nicht nach unserer Idee von Anarchie.”[13] Und so stellt sich die Frage: Wenn sie nicht nach unseren Vorstellungen der Anarchie klingen, nach welchen oder wessen Ideen klingen sie denn dann?

Um die Frage addressieren zu können, müssen wir noch zwei Hinweisen nachgehen (und es gibt sehr viel mehr), die mit dem Kollektiv zu tun haben. Erstens, die goldenen hebräischen Buchstaben auf dem Cover von slow riot for new zero kanada. Die Buchstaben übersetzen sich zum Wort „Chaos“. [14] Zweitens, eines der zahlreichen Seitenprojekte des Kollektivs nennt sich “Bakunin’s Bum”. Lassen wir das Chaos nochmal beiseite. Das Letztere bezieht sich auf Mikhail Bakunin, manchmal als radikalster Anarchist überhaupt betitelt. Bakunins politische Philosophie hallt oft durch das Werk von Godspeed! wider. Sein Skeptizismus bezüglich des Findens letztendlicher Lösungen reflektiert sich oft in Aussagen, die von Gruppenmitgliedern gemacht wurden. Vergleiche:

No theory, no ready-made system, no book that has ever been written will ever save the world.

(Bakunin)[15]

I think believing that the creation of art alone is going to lead to any sort of solution is a conceit, yes.

(Efrim, Godspeed!)[16]

Bakunins Auffassung kommunaler Autonomie, basierend auf einer Macht von unten anstatt von oben, spiegelt sich ebenfalls wider: durch das Bemühen, sich bloß durch Independent-Läden anstatt durch Franchisen oder Kettenläden zu vermarkten oder durch den kreativen Prozess von Godspeed! selbst.[17]

Auf beide diese Themen  von einer anarchistischen Perspektive aus bezogen, ist die Tendenz zum Anarchismus sich „selbst zu entledigen von jeder Struktur, welche auf das Sprechen für seine Aktionen oder Motivationen hinweist“ [18].

Um die Quelle dieses Skeptizismus bezüglich Strukturen und Systemen zu verstehen, muss man einen langen Weg gehen hin zum Erklären der notorischen Unlust der Bandmitglieder, über ihre Musik zu reden. Ihre Aufnahmen oder Konzerte stehen dabei in einem freieren Kontext, da sie aktive Interpretationen eines Publikums fordern, welches versteht, dass es keine gebrauchsfertigen Antworten gibt. Dies weitet sich aus auf eine generelle Arbeitsphilosophie, welche als Verweigerung der einfachen Spielchen, welche die Band einfach kategorisierbar machen lassen, interpretiert werden sollte. Es sollte nicht so interpretiert werden, dass die Band ihre politische Position sich selbst nicht klar erklären kann. Fiona Sturges beobachtet im „Independent“ [19], dass die Hörer von Godspeed! glauben, dass „deren Wortlosigkeit eine tiefere politische Aussagekraft besitzt als all das Missionieren von Gillespie oder Bono.“

Das ewige anarchistische Dilemma ist es, dass man eine positive Kraft schaffen muss, die die Strukturen (und somit: Fehler) der gegensätzlichen Intuitionen nicht reproduziert. Den Ansatz, den Godspeed! in dieser Hinsicht nutzten und immer noch nutzen, ist  „in Action“ die Möglichkeit von Alternativen zu demonstrieren. Womit hiermit Wege gemeint sind, die falschen Kräfte zu verwirren und zu deplatzieren. Die Band schlägt den Hörern ihres Albums yanqui u.x.o. zum Beispiel vor, nicht mehr bei Großhandelsketten wie Walmart einzukaufen, sondern sich bei Do It Yourself-Leuten einzudecken. So schlägt Lyotard  in The Postmodern Condition vor:

Reactional countermoves are no more than programmed effects in the opponent’s strategy; they play into his hands and thus have no effect on the balance of power. That is why it is important to increase displacement in the games, and even to disorient it, in such a way as to make an unexpected „move“ (a new statement).[20]

Das ist es, die vordergründige Alternative (der reaktionäre Gegenschlag) ist mehr eine Opposition im normalen Lauf der Welt. In der Welt der modernen Musik, zum Beispiel, gibt es Majorlabels, welche Nu Metal verkaufen, mit im Raster der gesamten restlichen Popmusik, um einen größtenteils homogenen Markt ein bisschen mehr zu verändern. Der Schritt zur etwas „härteren“ Musik, welche keine existenten Auswirkungen auf die Kraftstruktur der Industrie im Allgemeinen hat.

Das Werk von Godspeed! hingegen benötigt Deplatzierung und verursacht Desorientierung, obwohl sie ja eigentlich noch nach den allgemeinsten Spielregeln spielen (mal von ihrer Resistenz abgesehen, sich nicht kategorisieren und analysieren zu lassen, werden sie in Internetforen immer noch als Rockband angesehen, also als Band, die sich mit Rock identifiziert). Godspeed! bietet etwas Unerwartetes, einen neuen Zug in einem langweiligen Spiel.

Von dieser Sichtweise aus ist es normal, dass Anarchismus mit Spontanität, Differenz und Experimentieren markiert ist[21]; dass er mit einer ausdrücklichen Affinität zum Chaos markiert ist, wenn man Chaos mit dem definiert, was außerhalb oder unter dem dominierenden System liegt.

Wegen der Resistenz zur Definition oder Kategorisierung wurde das anarchistische Prinzip oft vielmehr als „eine moralische Attitüde, ein emotionales Klima oder  gar Laune“ interpretiert[22].

Diese Laune hängt in einer dramatischen Spannung zwischen utopischer Hoffnung oder dystopischem Nihilismus[23], eine Spannung, die man auch leicht in den schablonierenden Trajektorien des Godspeed!-Sounds lesen kann. Mendelssohn sagte einmal, dass Leute sich „normalerweise beschweren, dass Musik so unklar sei, dass sie einen in Zweifeln lasse, was man nun darüber denken solle, während Worte von jedem verstanden werden könnten. Aber für mich ist es das genaue Gegenteil.“ [24]

(c) Southern Records, 2002

Die unverschwommene Botschaft, welche ich aus Godspeed! herauswähle, ist eine für verzweifelte Hoffnung für die Zukunft inmitten aller fast verzehrenden Ernüchterungen der Gegenwart.  Die Botschaft, die sie am Ende jeder Liveshow auf die Bühne projizieren, lautet: „FREEDOM CAN BE ACHIEVED“. Als würde das Aussprechen das Satzes dazu beitragen, dass es so kommt. Die offizielle Webseite[25] ist auch nicht so unverschwommen mit der Eingangsnachricht, welche den durchgestrichenen Text godspeed you! black emperor führt, über einem simpel glühendem Kruzifix, gefolgt von einem Wort: HOPE.

Aber kann eine klare Nachricht so einfach destilliert werden? Zu behaupten, dass dies die Ideale der Anarchie sind, welche Godspeed! musikalisch zum Leben erweckt haben, ist eine offensichtliche Anmaßung, denn ich bin der paradoxen Situation erlegen und muss gestehen, dass es keine echte Interpretation gibt.

Vielleicht regt dies zum Ende hin an, dass die propere Antwort auf die Arbeit von Godspeed! nicht kritisch, exegetisch oder analytisch erfolgen kann oder darf, sondern als Tat, als Schaffensprozess, deren Motiven folgend; denn am Ende, wie Godspeed! es demonstrieren, ist das Erschaffen von Schönheit angesichts all der Hässlichkeit das kräftigste Werkzeug. Die Frage, die sich Godspeed! jetzt stellt, ist die, ob sie weiterhin Musik auf so hohen Standards produzieren können, angesichts ihrer steigenden Popularität. Mehr als acht Jahre nach ihrer Gründung 1994 [der Text stammt aus dem Jahr 2002, Anm. d. Ü.] waren sie nun auf dem Cover des NME (24. Juli 1999), hatten ihr letztes Album [Lift Yr. Skinny Fists, Anm. d. Ü.] als Album der Woche in der New York Times (Ann Powers, 3. November 2000), wurden vom Spin-Magazine als 16. wichtigster Musikakt des Jahres 2001 aufgezählt[26] und wurden vom NME 2001 als „too cool“ bezeichnet. Was folgt nun? Alles, was die Constellation-Tourwebsite preisgibt, ist:

“godspeed is resting…”.

{ fin }

Nachtrag, 2010: Nach einer Europatournee 2003 geht die Band auf einen unbegrenzt langen Hiatus. Was niemand für möglich hielt, passierte dann im April 2010: Godspeed You! Black Emperor kamen wieder zusammen. Sie kuratieren im Dezember das All Tomorrow’s Parties Festival in Minehead, Großbritannien. Eine Europatournee soll folgen.


[1] Diese Aussage beendet Bakunin’s Aufsatz „The Reaction in Germany“, 1842. Nachdruck in Michael Bakunin: Selected Writings, Grove Press, New York City, 1974.

[2] Von einem vorgelesenen Monolog, welcher eine Liveshow der Band in der Royal Festival Hall, London, 3. 4. 2000, eröffnete.  Online.

[3] David Keenan, “Life Stinks”, in The Wire, Mai 2000.

[4] Roman Sokal, Exclaim!, 7. November 2000

[5] Es werden keine zumindest auf den verschiedenen Websites der Band erwähnt, und als ich glücklich genug war, die Playlists für den amerikanischen Musiksender RAGE zu erlangen, lässt sich Godspeed! dort ebenfalls nicht finden.

[6] Keenan, ebenda.

[7] W.A.S.T.E steht hier für “We Await Silent Tristero’s Empire” [Wir Erwarten Still Tristero’s Reich] und ist interessanterweise auch der Name des Merchandisingarms des nicht so stillen Radiohead-Reiches; während Radiohead anfangs die Abkürzung für eine Mailing List im Internet nutzten – jedoch ist es inwzischen ein ausgewachsenes kommerzielles Unternehmen.

[8] Siehe Graham Benton: „This Network Of All Plots May Yet Carry Him To Freedom: Thomas Pynchon and the Political Philosophy of Anarchism„, Oklahoma City University Law Review, Ausgabe 24, Nummer 3, 1999.

[9] Ich bin nicht der Erste, der Pynchon im Zusamenhang mit Godspeed! zitiert: “this is what the first sentence in Gravity’s Rainbow surely sounded like!”, schreibt  John Fail in fakejazz, 6 October 2000.

[10] Online leider nicht mehr auffindbar.

[11] Brent S. Sirota, Pitchforkmedia, 28 October 2000,

[12] Fail, ebenda.

[13] John Mulvey: They don’t sleep anymore at the Beach, New Musical Express, 14. Oktober 2000, London.

[14] Auch mit “Leere und Ödland” zu übersetzen. Siehe Sirota, ebenda.

[15] Paul Berman (Hg.), Quotations From the Anarchists, Praeger Publishers, New York, 1972, S. 34.

[16] Keenan, ebenda.

[17] Siehe dazu Matt Galloway, Now Magazine, 13. August 1998.

[18] Siehe Benton, ebenda, Seite 543.

[19] 6. Oktober 2000.

[20] Jean-François Lyotard, 1979, The Postmodern Condition, Manchester University Press, 1984.

[21] Emma Goldman, Anarchism And Other Essays, Dover Publications, London, 1969, Seite 10.

[22] Gerald F. Gaus and John W. Chapman, “Anarchism and Political Philosophy”, in J. Roland Pennock and John W. Chapman (Hg.), Anarchism, 1978, Seite xvii.

[23] Benton, Op Cit.. p. 555.

[24] Zitiert aus Wes Phillips, “Godspeed You Black Emperor: Lift Yr. Skinny Fists Like Antennas to Heaven!”, onhifi.com Music Archives, 15. Dezember 2000. Online.

[25] Online.

[26] Und damit landen sie zum Beispiel vor Beck oder Madonna. Siehe Daniel McCabe, “Mauro Pezzente: Almost famous”, in McGill Reporter, Volume 33, Number 14, 5. April 2001.

– – –

Der Autor Brad Weslake lebt in New York als Philosoph und Publizist. Ich möchte ihm herzlich danken für sein Einverständnis, diesen Text übersetzen zu dürfen.

Faulty Schematics of Ruined Machine, Zeichnung von Efrim Menuck, 1996

Comments
2 Responses to “Godspeed You! Black Emperor und die Politik des Chaos”
  1. Brad sagt:

    That was fast! Many thanks for translating the essay—this is the first time anyone has done so.

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