Die wilde Abenteuerwelt der Leere

Foxes in Fiction - Swung from the Branches

Foxes in Fiction >>> Swung From The Branches (2010), Moodgadget

Vor gefühlten Äonen von Jahren wäre die Platte hier neu, unerhört und unglaublich gewesen. Doch in unserer Zeit, wo man Genrebezeichnungen wie „Chillwave“ anscheinend wirklich ernst nehmen muss, ist die Platte nichts Neues mehr. Sie ist weder innovativ noch weist sie neue Wege auf. Sie stagniert auf dem selben Level, welches man schon von tausenden von Schlafzimmermusikern oder Laptopschraubern kennt (und mir fällt angenehm auf, wie nostalgisch dieses Wort bereits klingt). Dennoch: Der raffinierte Mix aus Lo-Fi-Pop, Ambient, shoegazigen Elementen und einer sehr entspannten Grundstimmung gefällt durchaus.  Kommen wir zum Wesentlichen: Dies ist eine Platte von „Foxes in Fiction“. Foxes in Fiction ist der Künstlername von Warren Hildebrand, welcher im kanadischen Toronto als Musiker, Künstler und Betreiber des Netlabels Orchid Tapes arbeitet. Im Winter 2010 nahm er diese Platte unter einfachsten Mitteln (na klar, ein 4-Track-Gerät)  zuhause auf, und vertrieb sie in guter, alter DIY-Manier als Tape, bis er sie dann in guter, alter Online-Manier legal auf seinem Blog vertrieb und vertreibt. Die oftmals gebräuchliche Genrebezeichnung „Dream Pop“ für Foxes in Fiction will mir ein wenig ungerechtfertigt erscheinen, mit Ambient Pop würde ich mir jedoch anfreunden können: Es dauert 12 Minuten, bis wir das erste Schlagzeug hören und ebenso viele Minuten dauert es, bis wir die ersten Stimmen hören – wenn auch als wortlose Vocalinstrumentation. Das letzte Album vom Frankfurter Ambientkünstler „Klimek“ hieß Movies is Magic und genauso könnte auch diese Platte heißen. Es ist stringente Musik für einen nicht existenten Film, akustische Unterlegung der Zeitlupen. Im gemächlich vor sich hinplätschernden Song 8 / 29 / 91 wird unter den Ambientteppich und dem langsamen Schlagzeugrhythmus eine sehr stimmige Aufnahme eines Audio-Tagebuchs unterlegt, in dem ein Mann im mittleren Alter am 28. August 1991 kurz vor 22 Uhr vor sich hin philosophiert, deklamiert und sinniert: Anything i say sounds fine because I’m gamble. Zwischendurch verbrennt er sich nach eigener Aussage die Fingerkuppe mit einer Zigarette. Leider kann der Song diese Würze und Spannung nicht die sieben Minuten lang transportieren, der Song wird leider langatmig. Die songbasiertere Seite 2 des Tapes beginnt mit Mialectric, welches vom Klang her eine Weiterführung von 8 / 29 / 91 ist. Ein paar leiernde Kassettenaufnahmen, eine schöne Ambientflächen, ganz vorsichtige Perkussion – fertig ist der Track. Das kurze Interlude Bronte Balloons hingegen begeistert durch seine verschwommene Aktion. Sich verlierende Surf-Gitarren über stark hallenden, typisch shoegazigem Gesang mit einem großartigen übersteuertem Violinenpart – in diesen 110 Sekunden passt alles, wenn man vom gewollt nervigem Loop-Ende absieht. Dennoch: es lohnt sich. So klänge „Atlas Sound“, das Soloprojekt vom „Deerhunter“-Frontmann Bradford Cox in einer idealen, entschleunigten und ätherischen Traumwelt. Jimi Bleachball, das übernächste Stück des Albums, hat schon fast Drive und das ist gut so: ein solides leichtes Drumming mit einer schönen, knarzigen Gitarre. Die nächsten Songs begeistern wegen ihrer simplen Ruhe und Unnahbarkeit. Generell ist die zweite Seite besser als die Erste. Die erste ist mittelprächtiger Ambient, den man schon oft sohörte. Die zweite hingegen zeichnet sich aus durch brilliante Kenntnisse in Songwriting und (meistens) perfekter Abstimmung der einzelnen Parts. Dennoch hat das Album keine wirkliche Bindung, nach den 19 Songs fühlt man sich nicht ergriffen, berührt oder immerhin gefordert. Es verkommt wohl meistens bloß zur Weghör- oder Hintergrundmusik, was man dem Album nicht wünschen kann. Die selten vorkommenden prätentiösen Einschübe des Albums kann man da gern und leicht übersehen. Außerdem muss man Pluspunkte geben für die wunderschönen Songtitel und das geniale Cover, welches ein Foto aus den 40ern ist, dass Hildebrand mal bei der Arbeit im Fotolabor fand. Ein erzogenes, behütetes und warmes Album für kalte Tage sowie ein kaltes Album für warme Tage. Für die verregneten Sommertage zwischendurch, die auch mal sein müssen, damit sich alles neu regenerieren kann. Schließlich ist im Sommer Regen wichtiger als Sonne, rein ökonomisch gesehen.

Benotung: 6,5 von 10

Hier lässt sich das Album legal und gratis beim Künstler downloaden.

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