Jagdszenen aus Amerika – Über das Video „Born Free“ von M.I.A.

Still aus dem Musikvideo "Born Free" von M.I.A., Regie: Romain Gavras

Das neue Video von M.I.A. sorgt für Furore. Im Video werden rothaarige Männer verhaftet, dann hingerichtet. Was soll so ein Video bringen? Und wie soll man es überhaupt verstehen? Ein Versuch, das Video zu ergründen.

Die Geschichte des provokanten Musikvideos ist so lang wie die der Musikvideos selber. Angefangen mit dem Third Reich’n’Roll der „Residents“, immer subjektiver werdend beim „Prodigy“-Video zu Smack my Bitch up oder dem immerhin noch wegen seiner anatomischer Radikalität provozierenden Video zu Rock DJ von Robbie Williams, führt sich die Geschichte der „Skandal“videos bis in die Gegenwart. Bis in das (zumindest popkulturell) abgebrüht geltende Jahr 2010. Schließlich weiß man doch schon längst: Blutige Skandale und Pop gehen immer gut.

Die britische Rapperin M.I.A. hatte auch schon immer einen Hang zum Skandalösen und Provozierenden. So sang ein Kinderchor 2008 in ihrem ausgesprochen erfolgreichen Song Paper Planes: „All I wanna do is (drei Pistolenschüsse) and a (Geräusch einer aufspringenden Kasse) and take your money.“ Gewaltfantasien, zu denen es sich gut tanzen ließ. In diesen Tagen veröffentlicht M.I.A. ihr neues Album /\ /\ Y /\, ausgesprochen: „Maya“. Ihr Stil verändert sich auf diesem Album, wird aggressiver und hat akute Bezüge zur Noise-Rock- und Riot Grrl– Richtung. Doch um das Album an sich, welches sehr unterschiedliche Kritiken einfährt, soll es nicht gehen. Vielmehr soll es um das Video zu einem der Tracks gelten, „Born Free„. Auch dieses spielt mit der Provokation.

Das Video wurde von Romain Gavras gedreht, welcher 2008 schon mit dem Musikvideo zu Stress von „JUSTICE“ für Aufsehen sorgte. In diesem Video wurde eine Gruppe vermummter französischer Jugendlicher portraitiert, welche sich durch die Pariser Vororte, die berüchtigten Banlieues, prügelt, um am Ende einen Citroen abzuflammen. Das war natürlich noch eine politisch realistische, wahrheitsbezogene Aufarbeitung der Vorortskrawalle um Paris 2007/08.

Das Video zu Born Free dauert neun Minuten, ist auch nur spärlich mit der eigentlichen Musik von M.I.A. unterlegt. Auch hier soll es wieder um echte politische Bezüge gehen wie Segregation, Fremdenhass und Polizeigewalt. Die spex schrieb über das Video: „Wie schon im Musikvideo für Justices »Stress« hält Regisseur Romain Gavras die Kamera gerade dann drauf, wenn es unangenehm zu werden droht.“

Im Video geht es um rothaarige junge Männer, alle zwischen etwa 12 bis 30, welche von bewaffneten SWAT-Einsatzkräften, die permanent rumbrüllen, verhaftet und in Internierungslager geschickt werden. Im Internierungslager angekommen, was mitten im Nirgendwo der Wüste liegt, sollen sie nun über einen Minenfeld rennen. Als die Rothaarigen dies anfangs noch ablehnen, wird der Jüngste von ihnen, ein 12-jähriger Junge, erschossen. Wohl oder übel beginnen sie in den sicheren Tod zu sprinten. Denn wer es schafft wird von den Polizeikräften mit Automatikgewehren erwartet. Der Mensch, zum Freiwild verkommen.

Still aus dem Musikvideo "Born Free", Regie: Romain  Gavras

Die Rothaarigen dienen hier als Genozidopfer X. Verweise auf faschistische Nationalismen, auf Apartheid, auf Konflikte in Nordirland (ein Wandbild im Video, drei vermummte und bewaffnete Rothaarige abbildend, ähnelt sehr einem berühmten nordirischem Wandbild aus den 80ern) oder dem Dritten Reich liegen hier schnell zur Hand. Doch natürlich hat Gavras dieses auch wesentlich unblutiger darstellen können. Es geht hier auch um das Marketing, als Eyecatcher sowohl fürs neue Album von M.I.A. (obwohl die Musik im Video wirklich absolute Nebensache ist) wie auch als Eyecather, wozu das tot geltende Medium Musikvideo noch fähig ist. Viele Blogs schreiben über das Video, fast jeder kennt es, jeder will es sehen, es wird ein regelrechtes Internet-Politikum, nachdem YouTube das Video nur in einer zensierten Form und erst nach Alterskontrolle zulässt. Die BILD nannte das Video gar das „brutalste Musikvideo des Jahres“.

Gar nicht mal soooo unbegründet, denn man sieht im Video alles. Nackte Hinterteile beim Geschlechtsverkehr; ein 12-jähriger Junge, dem der Schädel aufplatzt; ein explodierender Körper vor blauem Himmel; eine abgerissene Hand, die durchs Bild fliegt. Man könnnte meinen, dass Gavras seinen Status als „unkonventioneller, brutal ehrlicher Videomacher“ festigen wollte. Er überbietet das Stress-Video von 2008 deutlich. Und wohl auch alle anderen Skandalvideos der letzten Zeit wie zum Beispiel das hochnotpeinliche Skandälchen zum neuen Rammstein-Video „German Pussy“, was ein trister Hardrockporno war und mehr nicht. Und so berüchtigt ist das Video nun auch nicht – man kan sich das Video auf unzähligen Seiten ansehen. Bei Vimeo.com gibt’s noch eine Option, dass man sich auch noch im glasklaren HD-Bild ansehen kann, wie dem Kleinen die Birne weggeballert wird.

Gehen wir mal davon aus, dass Gavras doch nicht an seinen Ruf dachte, als er dieses Video konzipierte. In beiden Videos, Stress wie Born Free, geht es um organisierte Gewalt – einmal aus der Täterperspektive (jugendliche Vandalen) und einmal aus der Opferperspektive (Opfer: Rothaarige – Täter: Polizeistaat) – sowie um die Hilflosigkeit angesichts des Gewalteinbruchs in das Alltägliche. In beiden Videos sind Aggressoren, Beweggründe und Hintergründe gesichtslos. Man erfährt nicht, was aus den jugendlichen Gewaltgangs wird. Man weiß auch nicht, ob die Story für die Rothaarigen je wieder gut wird. Oder was speziell noch geschehen wird mit unseren Rothaarigen: Sie werden verhaftet, sterben, das Video endet. Eine Erwartungshaltung seitens des Zuschauers, welche prima negiert wird.

In einer Schlüsselszene des Videos wird der Polizeiwagen seitens vermummter Rothaariger attackiert. So sollte es zumindest sein. Doch anstatt des Entzünden fetter Molotov-Cocktails geschieht verhältnismäßig wenig. Kleinerere Steine werden gegen das Auto geknallt, ein Kinkerlitzchen! Ein Lausbubenstreich im Angesicht ihrer Situation. Ob das nun aussagen soll, dass man das Geschäft wieder in die eigene Hand nehmen solle? Dass die Segregierten und polizeilich Unterdrückten sich bekennen und aktiv werden sollen, in diesem Fall gegen den Polizeistaat? Enthält dieses Video etwa linke Bezüge? Oder wurde die Szene bloß nicht zu Ende gedacht?

Es fällt auf, dass die Leute im Video USA-Flaggen tragen. Anstatt von anderen Flaggen (Deutschland als Neonazimotiv, ein Kreuz als Motiv für den Krieg der Kulturen, UN als Symbol gegen Neokolonialismus) oder Symbolen ist es die USA-Flagge. Das Video wurde auch in den USA gedreht, genauer gesagt in San Francisco. Es könnte also als antiamerikanisches Statement interpretiert werden, wo die Rothaarigen als Blaupause gelten für ein Land oder eine Kultur, die vom Amerikanismus invadiert werden wird. Sebastian Hammelehle schreibt in der spex dazu: „Das mag für ein antiamerikanisches High Five! gut sein, ist in seiner Vereinfachung aber das Gegenteil von Analyse. Wo Amerikaner als Inbegriff des Bösen dienen, braucht kein Europäer mehr über die Rolle seines Landes in den Kriegen und Krisen der Welt nachzudenken.“

Definitiv richtig, aber das Video kommt zu einer wichtigen, vielleicht passenden Zeit heraus. So gibt es neue Gesetze in Arizona, die racial profiling legalisieren, also dass Schwarze oder Muslime tendenziell von der Polizei sofort in eine Schublade gesteckt werden, aus der man schwer wieder rauskommt. Der War on Terror der Bush-Ära ist längst zum antimuslimischen Neokolonial-Krieg verkommen, welcher leider europäische Blumen trägt (das Minarettverbot der Schweiz, das Anti-Burka-Abkommen in Frankreich).

Ob man das Video nun als Statement über linke Aktion, Faschismus, Neokolonialsmus, Amerikanismus oder Segregation deuten soll, bleibt einem selbst überlassen. Die meisten, die das Video sehen, schauen es sich eh nur wegen der provokanten Szenen an und bestätigen damit eh jede These, dass das Video nur ein Schocker mit bemüht politischem Anstrich sein soll.

Das Video:

M.I.A. – Born Free (enthält Szenen expliziter psychischer und physischer Gewalt)

Comments
One Response to “Jagdszenen aus Amerika – Über das Video „Born Free“ von M.I.A.”
Trackbacks
Check out what others are saying...
  1. […] Image, das M.I.A. schon immer durch kontroverse Lyrics oder noch kontroversere Videoclips (formverlust berichtete) […]



Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: