Altertümliche Aufnahmen der Jetztzeit

The Blithe Sons >> We Walk the Young Earth (2003), Family Vineyard

Das Cover mag einen zwar an die uralten Naturbücher aus den 50er Jahren erinnern und die Platte hat jetzt auch schon ganze sieben Jahre auf dem Buckel, dennoch gehört sie zu den innovativsten Alben, die ich seit langem gehört habe. „The Blithe Sons“ sind eine Kollaboration zwischen Loren Chasse und Glenn Donaldson. Die beiden sind in vielen verschiedenen Gruppen aus San Francisco involviert, die man unter Free-Folk, Psych-Pop oder New Weird America kategorisieren könnte. Am bekanntesten sind vielleicht noch Donaldson’s „Skygreen Leopards“. Beide wandeln aber auch auf Solopfaden. So hat sich Loren Chasse auf Field Recordings, Phonographien und Drones spezialisiert (ich erinnere hier an sein meisterhaftes Album The Footpath) und Glenn Donaldson versucht, die Randgebiete des Pop zu erkunden und zu kartographieren. Wenn diese beiden Musikarten zusammentreffen, kann man sich schon denken, wie die Blithe Sons letztendlich klingen. Das Instrumentarium der Blithe Sons, u. a. Gitarre, Harfe, Glocken, Gongs, Casio-Keyboards, Banjo, Gesang oder Klanghölzer, trifft auf den weiteren wichtigen Faktor: den Aufnahmeort irgendwo in der Landschaft: Zwitschernde Vögel, knackende Äste, raschelnde Blätter, Schritte, diverse Hintergrundgeräusche oder Hall. All dies wird mit minimalistischen, an den Folk angelehnten Melodien unterlegt. Dieser Mischung lässt man genug Zeit, sich komplett zu entfalten und so entwickeln sich starke Drones und minimalistische Hymnen der Ewigkeit. Es entsteht tatsächlich das Gefühl, an dem Orte der Aufnahme zu sein, vor vielen vielen Jahren. Tatsächlich auf der jungen Erde schreitend, wie es der archaische Albumname und das mindestens ebenso archaische Cover naheliegt. Dies sind prähistorische Aufnahmen, gefangen in der Jetztzeit.  Chasse und Donaldson lassen die Urzeit, das Urgeschichtliche, das Altertümliche akustisch wiederauferstehen. Und dennoch immer wieder die Gegenwart reflektierend wie beim Stück All Children’s Faces Looking Upwards, was sich zeitgeschlichtlich sehr viel moderner anfühlt und schon nahezu an die Musik der „Books“ erinnert. Beim Hören wird einem bewusst: Für die Wiederbelebung von Geschichte braucht es nicht viel mehr als einen passenden Aufnahmeort, viele Instrumente und einen Aufnahmeknopf.

Benotung: 9/10

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: