Ohne Probleme kein Klang: Derek Piotr im Interview

Derek Piotr (Foto: Jocelyn Stewart)

Zu sagen, Derek Piotr sei bekannt, ist dann doch vielleicht ein wenig übertrieben. Aber als Newcomer ist er definitiv ernstzunehmen. 19 Jahre alt erst ist der Produzent und Komponist experimenteller Musik. Geboren wurde er in Polen, er lebt jedoch in New York City. Dort fertigt er seine wunderbare, aber dennoch absichtlich nicht eingängliche Musik: eine Mischung aus Glitch, atonaler Neuer Musik, Ambient und Gesangsexperimenten. Harsh Voice anstatt Harsh Noise. Seit 2006 experimentiert Derek Piotr an der Schnittstelle zwischen Stimme und Elektronik.

Kollaborieren tut er mit vielen, mit Zack Thorpe, Stefanus Strom oder sogar mit Antye Greie aus Deutschland, besser bekannt mit AGF. AGF könnte speziell dem deutschen Hörer experimenteller Musik durch die jüngste Kollaboration mit Gudrun Gut bekannt sein. Das Album Baustelle der Greie/Gut-Fraktion war ein geniales Ding, definitiv.

Nun aber zu Derek Piotr, dessen neues Album Elsewhere bald erscheinen wird. Seine EP Sinners Rise Up wird – auf 33 Kopien limitiert (wie damals bei GY!BE, Piotr begründet es aber mit den 33 Lebensjahren von Jesus) ab dem 10. Oktober via Privatversand vertrieben. Wer eine haben will, sollte sich also beeilen. Übrigens, so Derek, seien kurze Antworten seine Spezialität.

Interview: Max Lampin

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Was ist wohl dein bestes Werk bisher, was dein schlechtestes?

Alles, was ich in der letzten Zeit produziert habe, ist das Beste. Die ersten Dinger, die ich gemacht habe, sind die Fürchterlichsten – wie bei Jedem.

Du hast mir erzählt, du würdest vor allem seit Längerem E-Musik produzieren, nicht unbedingt unterhaltende Musik… korrigier mich ruhig, falls ich falsch liege. Warum machst du das?

Ich glaube, was ich damit gemeint habe, war, dass ich versuche ernsthaftere Techniken in meine Arbeiten einfließen zu lassen anstatt -sagen wir mal- eine Drum Machine oder einen Synthesizer zu nutzen, um „die Menge zum Moven“ zu kriegen. Dieser Ansatz war mir immer zu einfach. Aber musikalisch gesehen gab es nie wirklich eine große Änderung. Jeden Sommer mach ich mir zum Spaß ein Hip-Hop-Mixtape, um die Sau rauszulassen, wirkliches Dance Madness-Zeugs.

Du stammst aus Polen. Fließt das in deine Musik ein?

Da bin ich mir nicht sicher. Es gibt sehr viel wenige polnische Elektro-Leute. Aber in die, die es gibt, bin ich sehr interessiert.

Du bist sehr jung dafür, dass du experimentelle und ernste Musik produzierst. Wie wurdest du zum Fan dieser speziellen Art von Musik? Und was ist mit deinen Freunden? Hören die das auch?

Viele meiner Freunde und ich kollaborieren und teilen gemeinsame Interessen und sind in meinem Alter (oder manchmal noch jünger).

Du verkaufst zur Zeit 33 Kopien deiner Sinners Rise Up-Single und beziehst die 33 auf die 33 Jahre Jesu. Bist du religiös?

Ich bin spirituell und fasziniert von der Maschinerie dahinter. Der Weihrauch und die Spiegel in der Kirche. Ich liebe Christus. Aber auf den prunkhaften, katholizistischen Weg kann man sich natürlich auch sehr leicht beziehen.

Du scheinst ziemlich stolz darauf zu sein, dass du in Kontakt mit Künstlern wie Matmos, Antony Johnson, Meredith Monk oder Björk stehst. Wie kams dazu?

Es ist ja natürlich immer großartig, die Leute zu treffen, die man beim Aufwachsen gehört hat – deine Idole. Ich hab sie in New York kontaktiert und irgendwie hat sichs so ergeben.

DIE drei Künstler, die du bewunderst, die dich inspiriert haben.

Björk, AGF und Arvo Pärt. Björk und AGF für den Gebrauch von Gesang und Elektronik – warum können nicht mehr Männer das miteinander kombinieren? Und Arvo für seine Räumlichkeit. Er ist sehr kahl und sachlich. Immer wenn ich ihn höre, habe ich das Gefühl, ich wäre in einem Raum mit hohen Gewölben.

Was sind deine Zukunftspläne?

Weiterzumachen. Ich hab auch ein paar akustische Auftritte im Kopf. Ein weiterer experimenteller Sänger, Cellist und Jazz-Musiker. Drei verschiedene Ereignisse, aber alle sehr mit mir verbunden.

Wie wird es deiner Meinung nach im Jahr 2030 aussehen? Wie sieht es mit der Musikszene aus?

Sehr kontrolliert durch Technologie, sehr langweillig. Ich habe das Gefühl, wir könnten keine Lösungskonzepte für Klang und Musik mehr haben, wenn wir keine Probleme mehr haben. Und so wird es dann letztendlich auch sein, denke ich. Mehr oder weniger.

Du hast deinen Namen von pi.o.tr zu Derek Piotr geändert. Warum?

Um mich zu humanisieren, mir eine persönliche Note zu geben. :)

Stellen wir uns vor, du müsstest dich zwischen Musik und Lyrik entscheiden. Was wählst du?

Musik! Poesie ist nicht zwangsläufig etwas, woran ich wirklich arbeiten muss. Musik ist für mich sehr viel interessanter, das ist sicher.

Warum arbeitest du am Meisten an der Schnittstelle zwischen der menschlichen Stimme und Elektronik?

Die Stimme ist persönlich, die Electronics sind ernsthaft, intensiv – ich möchte etwas intensives Persönliches erstellen. Außerdem ist es akustisch aufregend und vergnüglich für mich.

Du beschwerst dich darüber, dass es an männlichen Elektrokünstlern fehlt, die mit ihrer Stimme arbeiten.

Ich beschwer mich nicht dadrüber! Ich finde es bloß interessant, dass Männer dazu tendieren, instrumentell zu arbeiten. Ich bemerke da ein Muster. Und dann frag ich mich: Hm… ich glaube, es ist ein Macho-Effekt.

Field Recordings und Phonographien fließen sehr in deine Musik ein. Versuchst du damit, Authentizität oder Persönlichkeit in deine Aufnahmen zu integrieren?

Ich suche immer nach einer aufregenden Textur, manche dieser Field Recordings bieten die interessantesten Texturen überhaupt an. Viele Dinge nehme ich selber auf, ich mag die Idee des Collagierens.

Möchtest du manchmal die Bedeutung der Sprache, der einzelnen Wörter durch das Verzerren oder Rausreißen der einzelnen Sprachelemente in deiner Musik ebenfalls herausreißen?

Ja. Wie ich einmal Meredith Monk schrieb – ich fühle in ihrer Musik eine große Seelenverwandtschaft, weil sie Wortlosigkeit wertschätzt. Wörter können zu spezifisch sein. Die Stimme allein ist genug Reichweite für alle Emotionen, ohne besondere Bedeutungen, die hinzugebettet werden.

Merzbow hat einmal gesagt: Sometimes, I would like to kill the much too noisy Japanese by my own Noise. The effects of Japanese culture are too much noise everywhere. I want to make silence by my Noise. Maybe, that is a fascist way ofusing sound. Geht es dir da ähnlich?

Nein, mein Noise ist bloß eine Reflektion von anderem Krach, den ich irgendwo gehört habe. Alle meiner Stücke waren zumindest teilweise inspiriert durch andere Stücke oder Geräusche, die ich in meiner Umwelt gehört habe oder auf CD oder via MP3 irgendwo aufgeschnappt habe. Ich möchte einen Beitrag leisten, nicht dominieren.

Existiert Schönheit im Krach? Oder ist Krach bloß für dich ein Instrument, um Hörer zu schockieren oder provozieren?

Jeder Klang kann für jemanden etwas Schönes haben. Ich habe Lieblingsklänge (mein Lieblingsklang aller Zeiten ist der Klang einer elektronisch verfremdeten Stimme, was stark in meinen Kompositionen vorkommt) und natürlich gibt es Klänge, die ich überhaupt nicht mag. Aber auch diese Klänge können irgendwo anders bei wem ein Lieblingsklang sein. Ich versuche zu faszinieren, nicht den Hörer in ein möglichst großes Aufgebot von Klangerfahrungen zurückzuweisen. Ich versuche immer etwas einmal, wenn ich es kann.

Gibt es Bücher oder Aufsätze, die dich inspiriert oder beeinflusst haben?

Ja. Außerdem Werke von ee Cummings oder Gertrude Stein.

Was ist das Allerschlimmste in der derzeitigen (Pop)-Musik?

Alles, was nicht ehrlich ist. Also das meiste in der Popwelt. Lady Gaga ist ehrlicher als Justin Bieber, also würde ich sagen, ich mag sie mehr, obwohl ich eigentlich beide nicht ausstehen kann. Aber es wäre zumindest ehrlich. Aber manchmal finde ich schon Spaß an der Popmusik, aber das ist selten (Dolly Parton, Michael Jackson, Ethel Merman, Aaron Carter). Wenn mich bestimmte Aspekte der Musik packen… da gibt es keine Regel oder einen Standard, um zu sagen, was mich an einem Klang anzieht – ich mag es, widersprüchlich zu sein.

Danke für das Interview. Die letzten Worte hast du.
ora pro nobis

Derek Piotr’s Blog | Seine Musik

Comments
4 Responses to “Ohne Probleme kein Klang: Derek Piotr im Interview”
  1. julien sagt:

    congratulations Derek!
    I cannot understand anything, but google translate helped :)

  2. Chang sagt:

    (Dolly Parton, Michael Jackson, Ethel Merman, Aaron Carter)??? what’s that about…

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