Knisternd, schillernd, durchweg erhaben

Philip Jeck >>  Sand (2008), Touch.

Schon wieder so ein Ambientgedöns! Schon wieder die ewig gleichen Töne, Texturen, Strukturen und Konzepte! Alles mittlerweile schon tausendmal gehört, abgenickt und für gut befunden. Keinerlei Innovation! Die Einwände gegen die derzeitige Drone Ambient-Landschaft sind durchaus berechtigt. Spätestens seit 2005 gibt es Millionen und Abermillionen von Leuten, die ihren eigenen Ambient im Schlafzimmer mit piepsigen Computerprogrammen produzieren und das alles in die Welt des Internets als next big thing posaunen. Dabei bekommt nur jeder Tausendste (knapp überschlagen) auch das wahre Glück, einen Plattenvertrag zu bekommen. Und nur jeder Millionste wird letztendlich von seiner Computermusik überhaupt leben können. Die meisten Ambient-Künstler kommen zurzeit aus einem New Age-, Lounge-, oder Experimental-Umfeld, das Letztere blüht nun schon länger vollkommen auf. Philip Jeck aus Großbritannien ist ein Experimental-Musiker, der Drone Ambient produziert. So weit, so schnarchig. Doch Jeck arbeitet schon seit den frühen 80ern im Stile des bekannten William Basinski mit alten, erodierenden Platten, kaputten Tapes, ineinander gefrästen Loops und Jeck hat deshalb wohl auch einen Plattenvertrag beim genialen Londoner Label Touch, auf dem unter anderem Künstler wie „Biosphere“, „Fennesz“, Chris Watson oder Ryoji Ikeda als Künstler geführt werden. Sein vorletztes Album Sand erschien 2008 auf dem Label und ist ein perfekter Einblick in sein künstlerisches Schaffen. Für Sand nahm sich Jeck alte, kaputte Vinyl-Platten vor, die er auf ebenfalls schon halbkaputten Turntables aus den 60ern abspielte. Jeck ging es da vornehmlich um die Enden der Schallplatten, das raschelnde Summen, Knistern und Knarzen, das jedem Vinylophilen bereits die Freudentränen in die Augen treibt. Diese Enden fügte Jeck zu eigenständigen Kompositionen neu zusammen: Es entstehen ungeheuer epochale, furchteinflößende Töne voller Tiefe, große schillernde Töne (Fanfares), die immer weiter expandieren, bis sie den kompletten akustischen Raum einnehmen. Das erste Stück der Platte, Unveiled, erinnert an die Musik von „Boards of Canada“: wunderschöne, doch undefinierbare und unglaublich weit klingende Melodien sind tief verborgen in der Sperrigkeit. Auch hier – wie bei BoC – fühlt man sich an alte, etwas unheimliche Super8-Videoaufnahmen erinnert. Tief verfrickeltes Piano wird eingemischt, geloopt bis zur endgültigen Entstellung und vice versa. Das Schöne bei Sand ist:Auch wenn die Stücke lang sind (über 11 Minuten mitunter!) sind sie nie nie nie langweillig. Kleine Aussetzer, Schockmomente, Loops, Glitchs und Störeffekte verschönern das Gesamtergebnis, alle paar Momente ändert sich die Tonlage und Atmosphäre des Stücks. Chime Again klingt natürlich nach Glockenspielereien, aber das alles so tief, dunkel, ungewohnt und notorisch verschwommen, dass es einfach herrlich ist. Das ist kein normaler Ambient, sondern das ist was Anderes. Was Großes. Womöglich gar ein Meilenstein.

Bewertung: 10/10


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